Engel
der Lieder huscht
durch die Stollen
Besonderes
Projekt: unheimliche Klänge und Gestalten aus "Phantom der Oper" in
Neunebürgs Besucherbergwerk
Von Karin Ferenbach
NEUENBÜRG
Bis zur großen Weitung mit der Wendeltreppe lief alles noch ganz "standesmäßig"
ab. Jungführer Ruben König stellte das Neuenbürger Besucherbergwerk
"Frischglück", seine Entstehung und den für Besucher erschlossenen
Rundgang vor. Dann führte er die 30-köpfige Gruppe vom unteren
Stollenmund bis zu den schwarz glänzenden "Glasköpfen". Hier tauchte
aus Nebelschwaden ein brennender Kronleuchter samt Totenkopf auf.
Die Besucher streiften mit ihren Helmen an Spinnweben vorbei und
vernahmen schließlich aus den Tiefen des Berges eine Frauenstimme,
deren unheimlicher Gesang die Führung abrupt unterbrach. Ein "Engel
der Lieder" und "Die Musik der Dunkelheit" wurden besungen.
Spätestens beim "Phantom der Oper" wurde den aufmerksam lauschenden
Zuhörern klar, dass es sich hier um Ausschnitte aus dem
gleichnamigen Musical von Andrew Lloyd Webber, handelte. Vorsichtig
stiegen sie die Stufen der Wendeltreppe empor, denn ein Aufschrei
der unsichtbaren Gestalt und die anschließende Frage "Wer ist der
Mann mit der Maske?", die fast wie ein Hilferuf klang, hatte sie
doch ein wenig aufgeschreckt. Die helle Sopranstimme gehörte - wie
sich auf der weiten Ebene herausstellte - der Sängerin Christine
Daae, dargestellt von Petra Kunz mit langem Lockenhaar, grünem
Taftkleid und schwarzem Samtumhang. "Wer hat Sie hier hereingelassen
in das Labyrinth?", fragte sie erstaunt und warnte die
Vorbeimarschierenden, die Hand vor das Gesicht zu halten. Der Weg
führte weiter durch die "Katakomben der Pariser Oper" des zu Ende
gehenden 19. Jahrhunderts mit die Unterwelt erfüllenden
bombastischen Klängen aus dem Musical. Doch nur ein paar wenige an
der Spitze der Gruppe bekamen das Phantom kurz zu Gesicht, bevor es
in der Dunkelheit entschwand.
INFO
(kf). Nach "BergWerk - Kunst im Prozess" im Jahr 2005, bei dem 15
Mitglieder der Kunstinitiative Pforzheim ihre Werke bis zu einem
Jahr dem Innern des Berges aussetzten, nun "das Phantom der Oper" in
dem historischen königlich-württembergischen Eisenerzbergwerk. "Wir
werden das Projekt sicher mit einer anderen Thematik wiederholen",
zeigte sich Jürgen Härter nach der dritten, mit 30 Personen
ausgebuchten Aufführung sichtlich beeindruckt. Das Bergwerk ist nach
Ansicht des Vorsitzenden der "Frischglück"-Arbeitsgemeinschaft
(Arge) Neuenbürger Bergbau durchaus auch für andere Dinge aus dem
kulturellen Bereich reizvoll und ließe sich dadurch noch attraktiver
machen.
Nach einem Konzert in der Festhalle in Schwann wurde die dort
mitwirkende Sopranistin Petra Kunz aus Marxzell von Mitgliedern des
Arge Bergbau angesprochen, ob sie sich auch mal einen Auftritt im
Besucherbergwerk vorstellen könnte. Daraufhin testete Kunz die
örtlichen Gegebenheiten aus und hatte angesichts der beeindruckenden
"Unterwelt" sofort das "Phantom der Oper" im Kopf. "Ich habe die
schönsten Musicalmelodien zu einer Art Potpourri mit fortlaufender
Handlung zusammengestellt und die Texte dazu passend für die Figur
der Christine Daae etwas umgedichtet", beschreibt die 34-jährige
Kunz ihre Vorgehensweise. "Ich schlüpfe gerne in eine Rolle und
mache kleine Inszenierungen". Ehemann Alexander Wenz unterstützt sie
dabei nach Kräften und stellt etwa die Requisiten zusammen. An
diesem Nachmittag übernahm er sogar die Rolle des Phantoms.
Die schaurig-schöne Inszenierung war übrigens der erste Auftritt von
Petra Kunz, die vor 18 Jahren ihre Gesangskarriere begann, nach
ihrem kürzlich absolvierten 14-tägigen Meisterkurs unter
Gastprofessor Kurt Widmer am Mozarteum in Salzburg.
(Aus dem Enztäler 03.September 2007)
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